Die dritte Generation

Anfang der 1980er Jahre erlebte Carbox deutliche Veränderungen. 1978 war das Patent für die Carbox ausgelaufen und nun kam der Wettbewerb auf den Markt. Carl Bellinger, inzwischen weit über 60, zog sich Schritt für Schritt aus dem Unternehmen zurück – und sein Sohn Stefan ging Schritt für Schritt nach vorne in Richtung Geschäftsführung. Schritt für Schritt deshalb, weil er nach dem Abitur 1980 am Hermann-Böse-Gymnasium und einer Ausbildung zum Bankkaufmann beim Bankhaus Neelmeyer 1982 direkt bei Carbox einstieg. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser und es gab für mich auch keine Schwimmhilfe“, sagt er.

Als er bei Carbox anfing, war für ihn schon klar: Carbox ist ein Familienunternehmen und das wird es auch bleiben. „Die ersten Jahre bei Carbox waren nicht immer einfach“, sagt er. „Mein Vater hat mich meine Entscheidungen treffen lassen, mir Verantwortung übertragen, aber wir waren uns anfangs nicht immer einig.“ 1987 ist der Generationswechsel schließlich abgeschlossen: Stefan Bellinger wird Geschäftsführer und dann Gesellschafter von Carbox.

Vom Bankkaufmann zum Geschäftsführer eines Produktionsbetriebes für Kunststoffschalen – die Entscheidung für Carbox hat Stefan Bellinger bewusst getroffen, obwohl er dafür auf anderes verzichtet hat. 1982 war sein Vater 67 Jahre alt, Stefans Entscheidung stand nicht nur an, sondern drängelte schon. „Ich hätte gerne noch studiert oder wäre ins Ausland gegangen“, sagt er. „Aber dann hätte ich nicht die Nachfolge meines Vaters antreten können und hätte auch nicht diese wertvollen Jahre der Zusammenarbeit mit ihm gehabt.“

Mit der Übernahme der Geschäftsführung war der Lernprozess für Stefan Bellinger aber noch längst nicht abgeschlossen. Im Gegenteil. Regelmäßige Fort- und Weiterbildungen sind für ihn noch heute wichtig, er hält ganz bewusst daran fest, dass er wie auch seine Mitarbeiter mindestens einmal im Jahr an einer Schulung oder Fortbildung teilnehmen – um zu lernen und vom Gedankenaustausch mit den anderen Teilnehmern zu profitieren.

Nicht immer einfache, aber sehr wertvolle Jahre der
Zusammenarbeit: Carl und Stefan Bellinger.

Und auch sonst ist Stefan Bellinger ein aktiver Netzwerker: In zahlreichen Vereinen und Verbänden engagiert er sich ehrenamtlich – aus Überzeugung, aber auch um den Austausch mit Partnern aus der Wirtschaft oder auch ganz branchenfernen Unternehmern zu pflegen. Das und ein „Learning by Doing“ haben Stefan Bellinger mit dem nötigen Know-how und Selbstvertrauen ausgestattet, das Unternehmen Carbox nicht nur zu führen, sondern es international aufzustellen und weltmarktfähig zu machen.

Zu Beginn der 1980er Jahre hatte Carbox neun Mitarbeiter – heute sind es 30. Der Exportanteil ist im selben Zeitraum von unter 20 % auf mehr als 50 % gestiegen. Die Produkte werden zum einen für den Fachhandel produziert. So ist Carbox exklusiver Lieferant für die großen Autozubehör-Handelshäuser und hat weltweit viele weitere Vertriebspartner. Insgesamt sind es mehrere tausend Handelskunden, die meisten davon in Deutschland und Europa.

Zum anderen produziert Carbox direkt für die Automobilhersteller als Original Equipment Manufacturer (OEM). Carbox ist Tier-1-Lieferant, liefert also direkt an Firmen wie Audi, BMW, General Motors, Mazda, Mercedes, Nissan, Porsche, Suzuki, VW und viele andere, die Carbox-Produkte als ihr eigenes, exklusives Originalzubehör anbieten. „Die Hersteller sind unsere Hauptkunden, die Key-Accounts“, sagt Stefan Bellinger. „Wir entwickeln die Produkte gemeinsam mit den Autoherstellern, um die optimale Lösung für ihr Auto und ihre Kunden zu finden.“

„Es geht nicht um billige Lösungen, sondern um preiswerte Produkte. Ich schreibe „preis-wert“ immer mit Bindestrich und versuche das auch unseren Kunden klar zu machen. Und irgendwo auf der Welt ist sowieso irgendjemand im Preis günstiger als wir – aber bestimmt nicht besser. Qualität ist, wenn der Kunde zurückkommt und nicht das Produkt. Wir wollen nicht nur einmal liefern, sondern ein langjähriger Partner unserer Kunden sein. Und diese Kunden verstehen immer mehr, dass ein gutes Produkt auch einen angemessenen Preis hat und etwas wert ist – eben preis-wert!“

Schritt für Schritt – an dieser Strategie hat Stefan Bellinger immer festgehalten. Das gilt auch für die Erweiterung des Unternehmens am Standort Achim. Die Produktions- und Lagerkapazitäten wurden ständig erweitert, im Jahr 2000 wurde der jüngste Erweiterungsbau eingeweiht. Auch die Produktion ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten weiter modernisiert worden.

Das eigentliche Produktionsprinzip ist geblieben: Tiefziehen von Kunststoff-Platten und -Folien (Thermoformen). Die gelieferte Kunststoffplatte wird erwärmt und anschließend verformt. Dann werden die Ränder abgetrennt, abhängig vom Produkt gestanzt oder geschnitten. „Vollautomatische Serienfertigung, sehr komplex und effektiv – eben für große Stückzahlen im weltweiten Verkauf. Oder kleine Fertigungsmengen, mit viel Handarbeit, bis zur Einzelfertigung. Wir können heute beides, ganz wie der Kunde es will und das Produkt es verlangt. Customer oriented – der Markt entscheidet, und wir sind dabei“, sagt Stefan Bellinger.

Auch hat Carbox besondere Fertigungsmethoden entwickelt, um z.B. weniger Material einzusetzen. Das spart – im Preis, aber auch in Gewicht und Verbrauch der Autos, in denen Carbox-Produkte ja transportiert werden. Das Unternehmen verwendet aus Überzeugung nur voll recycelfähigen Kunststoff. Die Kunden können bereits seit 1987 alle Carbox-Produkte zurückgeben, damit sie recycelt, also einer wirklichen Wiederverwertung zugeführt werden. „Und im Jubiläums-Jahr werden wir eine eigene Solar-Anlage auf dem Flachdach einer Produktionshalle in Achim installieren“, berichtet Stefan Bellinger. „In den Ländern unserer internationalen Wettbewerber gibt es den Strom günstiger als in Deutschland – dann holen wir diesen Nachteil so eben etwas auf und schonen dabei die Umwelt!“

Stefan Bellinger
(geboren 1960)

Schnelligkeit und Flexibilität, das sind die Zauberworte, mit denen Carbox sich im internationalen Wettbewerb nicht nur behauptet, sondern an die Spitze gesetzt hat. „Wir haben unsere drei Kernkompetenzen unter einem Dach: Konstruktion, Produktion und Vertrieb“, erklärt der Carbox-Geschäftsführer. „Darum können wir schnell reagieren und Kundenwünsche sofort umsetzen.“ Ganz bewusst hat er sich darum entschieden, auch weiterhin ausschließlich die bewährten Produkte herzustellen. „Wir bleiben bei dem was wir können. Das ist unsere Stärke und darum können wir unseren Kunden auch bestmöglichen Service und Flexibilität bieten.“ Und das wissen die Kunden zu schätzen. Schließlich ist Carbox Tier-1-Lieferant, das heißt, das Unternehmen liefert direkt an die Automobilindustrie.

Und das als kleines mittelständisches Unternehmen. „Wir müssen uns mit den ganz großen Zubehör-Herstellern messen, die große Stabsabteilungen für die Automobilindustrie haben. Die Anforderungen aber an ein Qualitätsmanagement oder Materialprüfungen sind gleich, egal wie groß das Unternehmen ist.“

Oder die vermeintlichen Vorteile unserer ausländischen Wettbewerber. „Geringere Steuern als wir, weniger Auflagen und Abgaben, günstigere Arbeitsbedingungen und Lohnkosten - davon träume ich manchmal auch“, sagt Stefan Bellinger. „Wir tragen in Deutschland zuviel Ballast mit uns herum, gerade als Produktionsbetrieb sind wir benachteiligt im internationalen, weltweiten Wettbewerb. Also müssen wir uns eben besonders anstrengen, mehr trainieren als andere. Fett und träge werden wir so sicherlich nicht. Wir machen immer etwas mehr als andere, in allen Bereichen, jeden Tag, jeder Mitarbeiter.“

Und es müssen sich alle zusammen anstrengen, damit es funktioniert. In Stefan Bellingers Büro steht die alte Standuhr seines Großvaters, des Firmengründers Otto Vahland. Die geht auch nach 100 Jahren noch richtig (aber immer 5 Minuten vor). „Unsere Mitarbeiter arbeiten wie das Uhrwerk darin. Jedes Rad greift in ein anderes, ganz exakt, immer im richtigen Tempo. Aber steht nur ein Rädchen still, ist alles blockiert. Das müssen alle Mitarbeiter verstehen, jeder Einzelne ist wichtig und ein Teil unseres gemeinsamen Erfolges."